Zurück ins Jahr 2010 – die Coronakrise aus meiner Sicht

Eine der wichtigsten Eigenschaften, die eine Übersetzerin und Korrektorin in unserer schnellen, digitalen Welt mitbringen muss, ist Flexibilität. Denn eine der wichtigsten Eigenschaften unserer Branche ist, dass Übersetzungen oder Textkorrekturen stets am Ende eines Projekts oder Prozesses in Unternehmen stehen und damit naturgemäß meist sehr eilig sind. Wer flexibel und schnell reagiert, hat damit einen Vorteil und ist ein gern gesehener Partner für die Zusammenarbeit.

Das klingt stressig, ist es auch. „Urgent“ ist eines dieser Wörter, auf die ich nach 10 Jahren Selbständigkeit mit einem erhöhten Puls reagiere. Doch ich bin auch sehr froh um meine vielen Deadlines. Sie können sehr knapp und anstrengend sein, sie strukturieren aber meinen Tag und ich kann mich nicht in Trödeleien verlieren.

Seit das Coronavirus unser aller Leben auf den Kopf gestellt hat, gibt es nun eine neue Kategorie der eiligen Übersetzungsjobs: den „Urgent Covid-related job“.

Valtrado bei der Arbeit

Diese führen bei mir zu noch mehr Stress, denn zum erhöhten Puls kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: die ethische und moralische Verpflichtung. Ich fühle mich der Gesellschaft gegenüber verpflichtet, Übersetzungen mit Corona-Bezug schnell, zuverlässig und in hoher Qualität zu erstellen und zu korrigieren.

Und so brachte Corona den einen Existenzängste und eine bedrohte Lebensgrundlage, den anderen Entspannung und ruhigere Zeiten. Mir bescherte Corona eine Zeitreise zurück ins Jahr 2010, als sich mein Auftragsbüchlein immer mehr zu füllen begann und ich meine Kunden bis zur Selbstaufgabe bediente. Durchgearbeitete Nächte, keine Wochenenden oder Urlaubstage, stundenlanges Sitzen am Computer und immer die Angst, nicht genug zu tun, nicht gut genug zu sein, den Kunden noch mehr bieten zu müssen.

Es ist eine Mischung aus „Ich muss diesen Auftrag annehmen, damit ich Nachfolgeaufträge bekomme“ und „Das Unternehmen muss dieses Produkt so schnell wie möglich auf den Markt bringen und es ist enorm wichtig, dass ich dabei helfe“.

Bei allem Stress bin ich natürlich sehr froh, mich mit der Medizintechnik auf einen Bereich spezialisiert zu haben, der auch in Zeiten von Corona mit geschlossenen Grenzen, Kurzarbeit und Auftragsstopps weiter läuft. Ich bin dankbar, dass ich den letzten Wochen stets Aufträge hatte und keine Flaute bemerkte.

Doch die Mischung aus Panik und Existenzangst mit einer Prise Selbstüberschätzung ist wirklich explosiv.

Valtrado denkt

Dies ist eine Erkenntnis, die ich in diesem Jahr des Coronavirus erneut habe lernen müssen. Ich hatte vergessen, dass Überstunden ohne Ausgleich mit Sport, Freunden und Natur für mich nicht gesund sind. Schnell kam ich an meine Grenzen und habe zum Glück noch rechtzeitig die Notbremse gezogen. Denn kein Beruf und kein Auftrag sind so wichtig, dass stundenlanges Sitzen am Computer und durchgearbeitete Nächte und Wochenenden gerechtfertigt wären. Unsere Gesundheit ist das höchste Gut. Und genau das ist es doch, was uns die Corona-Pandemie vor Augen geführt hat.